Medizin & Pharmazie
Buchtipp
Praktische Tipps für die Medizinische Doktorarbeit
E.-M. Baur, M. Greschner, L. Schaaf
14.95 €

Buchcover

Anzeige
Stichwortwolke
forum

Zurück   ChemieOnline Forum > Naturwissenschaften > Medizin & Pharmazie

Hinweise

Medizin & Pharmazie Das Forum für Themen wie Toxikologie, Bioanorganik, Gesundheit, Arzneien und andere.

Anzeige

Thema geschlossen
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 22.10.2017, 09:35   #1   Druckbare Version zeigen
LisaStudentin  
Mitglied
Themenersteller
Beiträge: 5
Laborarbeit

Hallo!

Erstmal einbisschen zu mir: Ich studiere Lehramt für Chemie und inzwischen bin ich total verunsichert.

Ich habe damals in zwei Laborpraktikas mit CMR-Stoffen gearbeitet. Damals hatte ich mich noch nicht so intensiv mit Thema beschäftigt wie heute. Ich habe damals ca. eine Woche insgesamt mit den Stoffen gearbeitet. Jetzt überkommt mich eine riesige Panik. Ich habe damals nach dem ersten Laborpraktikum meinen Kittel in der eigenen Waschmaschine gewaschen und habe ohne Handschuhe im Labor gearbeitet. Ich bin mir auch nicht zu 100% sicher, dass ich immer sofort danach die Hände mir gewaschen habe oder mir nicht mal ausversehen ins Gesicht oder ins Haar gefasst habe. Mein Handy hatte ich damals auch im Labor dabei wie eigentlich alle dort. Ich musste das Laborjournal, den Kittel und die Schutzbrille mit nach Hause nehmen. Jetzt habe unmenschliche Angst Spuren dieser Stoffe überall verteilt zu haben und meine Familie noch zusätzlich in Gefahr gebracht zu haben. Wie schätzt ihr das ein? Hat jemand eine Idee, wo ich mich melden kann?
LisaStudentin ist offline  
Alt 22.10.2017, 10:02   #2   Druckbare Version zeigen
HNIW Männlich
Mitglied
Beiträge: 3.483
AW: Laborarbeit

Zitat:
Zitat von LisaStudentin Beitrag anzeigen
Hat jemand eine Idee, wo ich mich melden kann?
Du hast eine Angststörung.
Entweder Du hakst das ganze ab, oder Du musst Dich bei einem Psychologen (schlimmstenfalls Psychiater) melden. Wobei es schon krass wäre, wenn jemand wegen einem chemischen Grundpraktikum beim Psychiater landet ....

In einem Grundpraktikum wird niemals mit Stoffen gearbeitet, von denen eine solche gefahr ausgeht, dass eine Exposition über 1-2 Wochen zu bleibenden Schäden führen kann* und die zudem noch so potent sind, dass man toxikologisch bedenkliche Mengen über seinen Kittel oder Laborjournal bis in die eigene Wohnung verteilt, bzw. durch Waschen in der waschmaschine auf andere Kleidungsstücke etc überträgt.....
Das wäre ja schon Stoff für einen Thriller .....

* wenn wir mal Säuren oder laugen ausklammern, mit denen man sich selbstverständlich seine Augen zerstören kann.
__________________
"Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen."
Kurt Tucholsky

"Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiß."
Werner Heisenberg

Geändert von HNIW (22.10.2017 um 10:11 Uhr)
HNIW ist offline  
Alt 22.10.2017, 10:12   #3   Druckbare Version zeigen
cg Männlich
Mitglied
Beiträge: 819
AW: Laborarbeit

Hi Lisa,

in Schwaben sagt man: Dia Katz isch da Bach naa. Will sagen, da ist nichts mehr zurückzudrehen, ungeschehen zu machen.
Ich empfehle Dir vollwertige Ernährung, Bewegung, frische Luft, genug Schlaf sowie regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Dabei solltest Du die Untersuchenden auf den aus Unkenntnis fahrlässigen Umgang mit den Stoffen hinweisen und die Substanzen auch möglichst genau benennen. Die verschiedenen Stoffgruppen wirken bevorzugt auf bestimmte Organe und wirken unterschiedlich schnell. Z.B. Amine auf die Blase, Cd auf die Niere, Chlororganika auf die Leber und die Haut, Nitrosoverbindungen auf den Darm, Asbest auf die Lunge... aber eben nicht nur.
Wenn Du Kinder bekommen willst, wäre mit Genetikern zu überlegen, ob vorab eine Prüfung Deiner Gene sinnvoll ist.
Vor allem aber solltest Du was gegen Deine Angst unternehmen, denn die Psyche hat enorme Wirkungen auf die Physis. Dafür gibt es Spezialisten.

Im Übrigen ist zu hoffen oder zu veranlassen, dass an Deinem damaligen Praktikumsplatz die Praktikanten besser unterwiesen werden und ihnen der Umgang mit solchen Stoffen erspart wird.

Freundliche Grüße
cg
cg ist offline  
Alt 22.10.2017, 10:40   #4   Druckbare Version zeigen
cg Männlich
Mitglied
Beiträge: 819
AW: Laborarbeit

Hi HNIW,

es wäre gut, wenn es so wäre, wie Du sagst und wie es sein soll.

In meinem Studium zitierte der Prof seinen Prof: "In meiner Jugend haben wir uns die Hände mit Benzol gewaschen und es hat uns nicht geschadet." Ich habe darauf geantwortet: "Ich habe auch noch keinen getroffen, der an Blausäure gestorben war."
Ich habe Chemiker kennengelernt, die wegen Unwissenheit und mangelnder Unterweisung in ihrem Studium, nicht wegen Unfall oder Fahrlässigkeit, das Augenlicht durch Phosphine, andere zwei Finger durch H2F2 verloren haben.
Im Praktikum hat mein Nachbar Malachitgrün-Leukobase synthetisiert. Er war sorgfältig und hat sauber gearbeitet, das konnte ich beobachten. Es war unglaublich, was zwei Tage später alles grün war, nachdem die allenthalben verteilten Spuren oxidiert waren...
Das hat mir zu Denken gegeben und mich zu einem ganz anderen Umgang mit Chemikalien gebracht. Es hat mir nicht geschadet. Im Gegenteil, ich bin gesund.

Im Übrigen denke ich, dass so eine "Ferndiagnose" einer psychischen Störung, dazu auch noch durch einen vermutlich Nichtmediziner, nicht state of the art ist.

Freundliche Grüße und einen schönen Sonntag
cg
cg ist offline  
Alt 22.10.2017, 14:20   #5   Druckbare Version zeigen
zarathustra Männlich
Moderator
Beiträge: 11.556
AW: Laborarbeit

Zitat:
Zitat von LisaStudentin Beitrag anzeigen
Erstmal einbisschen zu mir: Ich studiere Lehramt für Chemie und inzwischen bin ich total verunsichert.
[...]
Ich habe damals ca. eine Woche insgesamt mit den Stoffen gearbeitet. Jetzt überkommt mich eine riesige Panik. Ich habe damals nach dem ersten Laborpraktikum meinen Kittel in der eigenen Waschmaschine gewaschen und habe ohne Handschuhe im Labor gearbeitet. Ich bin mir auch nicht zu 100% sicher, dass ich immer sofort danach die Hände mir gewaschen habe oder mir nicht mal ausversehen ins Gesicht oder ins Haar gefasst habe. Mein Handy hatte ich damals auch im Labor dabei wie eigentlich alle dort.
Mal im Ernst:
Du studierst Chemie auf Lehramt und sollst später auch Schülern beibringen, vernünftig mit Chemikalien umzugehen. Die Panik, die du hier schiebst, hat rein gar nichts mit einem vernünftigen Umgang mit Chemikalien zu tun.

Falls du ein Auto hast oder später haben wirst, gehst du an der Tankstelle ständig mit Benzol-haltigen Gemischen um. Hast du deswegen auch Panik?

Nach diesen ersten Worten solltest du die Sache vielleicht mal rational sehen:
Wenn du berufsmäßig jahrelang mit Asbest umgehst, ist das gefährlich, du kannst Fasern einatmen und diese zu Lungenkrebs führen. Das gleiche gilt aber bspw. auch für feinen Staub verschiedener Holzarten. Dennoch kannst du ein Stück Holz sägen, ohne dass du davon Krebs bekommst.

Hier ist die Sache nicht anders: Du hast einmal eine Woche lang in einem Praktikum mit Substanzen gearbeitet, die unter bestimmten Voraussetzungen krebserregend wirken können. Generationen von Chemistudenten vor und nach dir werden in der Anorganik bspw. mit Kaliumdichromat, Nickel- und Cadmiumsalzen arbeiten - ohne dadurch Krebs zu bekommen. Viele solcher Verbindungen sind auch gar nicht problematisch, wenn man sie als Lösungen handhabt. Gefährlich wird es eher, wenn man bspw. in der Metallindustrie beim Schweißen schwermetallhaltigen Rauch einatmet. ES gibt auch ehemalige Showversuche aus der Schule, wie den Vulkanversuch mit Ammoniumdichromat, bei dem solcher Rauch entsteht, den darfst du heute halt nicht mehr in der Schule durchführen.

Gerade anorganische Verbindungen kommen i.d.R. gar nicht durch die obersten Hautschichten, insofern musst du dir bezüglich Hautkontakt kaum Sorgen machen (Ausnahme: ätzende Verbindungen). Bei den gefährlichen Substanzen, die leicht durch die Haut kommen, liefern normale Handschuhe oft keinen ausreichenden Schutz, nur dass du mit solchen Verbindungen in den ersten Semestern bzw. im ganzen Lehramtsstudium gar nicht arbeitest. Vor allem verleiten Handschuhe auch unbewusst dazu, nicht ganz so sauber zu arbeiten, als wenn deine Hände direkt involviert sind.

Zitat:
Zitat von cg
Im Praktikum hat mein Nachbar Malachitgrün-Leukobase synthetisiert. Er war sorgfältig und hat sauber gearbeitet, das konnte ich beobachten. Es war unglaublich, was zwei Tage später alles grün war, nachdem die allenthalben verteilten Spuren oxidiert waren...
Bei uns im Organik-Grundpraktikum musste jeder einen Farbstoff (u.a. auch Malachitgrün und Kristallviolett) synthetisieren. War tatsächlich beeindruckend.

Zitat:
Zitat von cg
Wenn Du Kinder bekommen willst, wäre mit Genetikern zu überlegen, ob vorab eine Prüfung Deiner Gene sinnvoll ist.
Um es direkt zu sagen: Nein, das wird nicht sinnvoll sein.
Humangenetiker suchen i.d.R. nach Mutationen, die man selbst geerbt hat und damit in jeder Körperzelle vorliegen. Nur wenn auch die Keimzellen (Eizellen bzw. Spermien) verändert sind, können diese Mutationen vererbt werden. Hier geht es ja aber um Mutationen in bestimmten Körperzellen, die dann später bspw. zu einem Lungenkrebs führen. Solche Arten von Mutationen werden i.d.R. nicht vererbt. Anders ist es, wenn du bspw. durch Bestrahlung Mutationen in Zellen der Hoden hättest, so dass Spermien gebildet werden, die diese Mutationen tragen und weitervererben können. Aber auch hier wäre das Problem, dass ein normaler "Gentest" das nicht nachweisen kann.

Vielleicht wäre es generell für Lisa hilfreich, sich mehr mit Toxikologie zu befassen, um Dinge rationaler zu sehen. Wie wird getestet, ob etwas krebserregend ist und was bedeutet das dann? Welche Schritte muss eine Zelle durchmachen, um am Ende eine Tumorzelle zu werden? Welche Möglichkeiten zur Reparatur von DNA-Schäden haben Zellen - und wie kann unser Immunsystem Tumorzellen eliminieren, bevor eine Erkrankung auftritt? Und im Endeffekt hilft auch mal ein Vergleich: Was sind bei uns die hauptsächlichen Risikofaktoren für Krebs und welche Rolle spielen dabei Bewegung, Ernährung, Rauchen und Alkohol? Dann erscheint irgendwann die Gefahr durch Chemikalien vergleichsweise gering.
__________________
Ich habe zwar auch keine Lösung, aber ich bewundere das Problem!

Geändert von zarathustra (22.10.2017 um 14:32 Uhr)
zarathustra ist offline  
Alt 22.10.2017, 17:54   #6   Druckbare Version zeigen
FK Männlich
Moderator
Beiträge: 60.903
AW: Laborarbeit

Zitat:
Zitat von LisaStudentin Beitrag anzeigen
Ich habe damals in zwei Laborpraktikas mit CMR-Stoffen gearbeitet.
1. Willkommen hier!
2. Mit welchen Stoffen in welchen Mengen?
3. Nur keine Panik! Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Stoffe dermaßen gefährlich waren. Sowas macht man nicht im Grundpraktikum.

- Bei uns damals (ab 1974) hielt man akut giftige Stoffe wie Cyanide, Arsenoxid, Quecksilberchlorid usw. in Mengen von mehreren Gramm für völlig normal als Analysensubstanzen. Über CMR-Stoffe machte man sich überhaupt keine Gedanken - die gab es damals noch nicht...

Gruß,
Franz
__________________
Gib einem Mann einen Fisch, und Du ernährst ihn für einen Tag.
Lehre ihn das Fischen, und Du ernährst ihn für sein ganzes Leben.

Nichts, was ein Mensch sich auszudenken in der Lage ist, kann so unwahrscheinlich, unlogisch oder hirnrissig sein, als dass es nicht doch ein anderer Mensch für bare Münze halten und diese vermeintliche Wahrheit notfalls mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen wird.

Stellt bitte Eure Fragen im Forum, nicht per PN oder Email an mich oder andere Moderatoren! Ich gucke nur ziemlich selten in meine PNs rein - kann also ein paar Tage dauern, bis ich ne neue Nachricht entdecke...

www.gwup.org

Und vergesst unsere Werbepartner nicht!
FK ist offline  
Alt 23.10.2017, 17:33   #7   Druckbare Version zeigen
LisaStudentin  
Mitglied
Themenersteller
Beiträge: 5
AW: Laborarbeit

Vielen Dank für die Antworten!

Beim ersten Praktikum, wo ich überhaupt nicht aufgeklärt wurde, habe ich mit diesen Stoffen gearbeitet:
- Petrolether: 75 mL
- Toluol
- N,N-Dimethylanilin: 1,3 mL

Beim zweiten Praktikum wurde ich schon mehr aufgeklärt und habe mit diesen Stoffen gearbeitet:
- Cobaltchlorid: 50 mL (2g/L)
- Cobalt(II)-nitrat
- Cobalthydoxid
- Nickelnitrat

Leider kann ich nicht bei allen Stoffen genaue Mengen angeben, weil ich es nicht mehr weiß.

Eigentlich habe ich bei beiden Praktikas sehr genau darauf geachtet, dass ich nichts auf die Finger bekomme.
LisaStudentin ist offline  
Alt 23.10.2017, 17:59   #8   Druckbare Version zeigen
FK Männlich
Moderator
Beiträge: 60.903
AW: Laborarbeit

Das sind Peanuts.
Vergiss es einfach!
Dimethylanilin ist relativ toxisch. Also, wenn Du die ganze Menge geschluckt hättest, wärst Du reif für die Klinik gewesen.

Bei Cobalt- und Nickelverbindungen ist vor allem das Einatmen unlöslicher Verbindungen bez. Cancerogenität bedenklich.
Ansonsten können Verbindungen beider Metalle Allergien verursachen. Lösliche Salze haben auch eine beträchtliche akute Toxizität.

Ich habe mit all diesen Stoffen und noch viel, viel mehr (und wesentlich gefährlicheren) gearbeitet und in wesentlich größeren Mengen und sehr viel länger.

Gruß,
Franz
__________________
Gib einem Mann einen Fisch, und Du ernährst ihn für einen Tag.
Lehre ihn das Fischen, und Du ernährst ihn für sein ganzes Leben.

Nichts, was ein Mensch sich auszudenken in der Lage ist, kann so unwahrscheinlich, unlogisch oder hirnrissig sein, als dass es nicht doch ein anderer Mensch für bare Münze halten und diese vermeintliche Wahrheit notfalls mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen wird.

Stellt bitte Eure Fragen im Forum, nicht per PN oder Email an mich oder andere Moderatoren! Ich gucke nur ziemlich selten in meine PNs rein - kann also ein paar Tage dauern, bis ich ne neue Nachricht entdecke...

www.gwup.org

Und vergesst unsere Werbepartner nicht!
FK ist offline  
Alt 23.10.2017, 17:59   #9   Druckbare Version zeigen
chemiewolf Männlich
Mitglied
Beiträge: 20.312
AW: Laborarbeit

Zitat:
Zitat von LisaStudentin Beitrag anzeigen
nichts auf die Finger
dazu hast du wahrscheinlich im Abzug gearbeitet? Dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen.
__________________
The State Senate of Illinois yesterday abandoned its Committee on Efficiency and Economy for reasons of 'efficiency and economy'.
De Moines Tribune, 6 February 1955
einfach mal eine Fanta trinken
chemiewolf ist gerade online  
Alt 23.10.2017, 21:05   #10   Druckbare Version zeigen
LisaStudentin  
Mitglied
Themenersteller
Beiträge: 5
AW: Laborarbeit

Ich habe eigentlich durchgehend unter dem Abzug gearbeitet. Nur das Abwiegen wurde nicht unter dem Abzug gemacht. Soweit ich mich erinner habe ich aber nur die Nickelverbindung abgewogen. Leider haben wir die Abzüge putzen müssen und mussten in die Abzüge reinklettern nach den ganzen Versuchen. Da hatten wir nur einen Einmaloverall an. Und das war mindestens ein Tag nach den ganzen Versuchen.
LisaStudentin ist offline  
Alt 23.10.2017, 21:56   #11   Druckbare Version zeigen
rettich Männlich
Mitglied
Beiträge: 5.332
Blog-Einträge: 1
AW: Laborarbeit

Wer sonst sollte das putzen?
So ein schickes Kleidungsstück ist m.E ausreichend.
__________________
mfg: rettich

Man kann gar nicht so dämlich denken wie
andere Handeln.
Speziell im Strassenverkehr und im Labor.

Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.
rettich ist offline  
Alt 24.10.2017, 06:39   #12   Druckbare Version zeigen
zyp weiblich 
Mitglied
Beiträge: 438
AW: Laborarbeit

Man stelle sich vor die Abzüge an den Universitäten wären noch nie geputzt worden
zyp ist offline  
Alt 24.10.2017, 13:32   #13   Druckbare Version zeigen
Cyrion Männlich
Mitglied
Beiträge: 4.882
AW: Laborarbeit

Hallo LisaStudentin,

ich habe einige Zeit überlegt, ob ich antworten soll. Jetzt habe ich mich entschlossen es zu tun, weil einige durchaus wichtige Dinge hier noch nicht gesagt wurden:

- Du studierst Chemie auf Lehramt. Chemielehrer ist eine gesellschaftlich wichtige Tätigkeit, in der unter anderem den Schülern der sinnvolle Umgang (Einschätzung, Vorsicht, Handhabung etc.) mit mehr oder weniger gefährlichen Stoffen beigebracht wird. Hierzu gehört auch, den Schülern beizubringen was Giftigkeit ist.

Seit Paracelsus wissen wir - und das gilt mit (Relativierung bei einigen Stoffen) für alles - dass alleine die Dosis das Gift macht. Dieser Satz sollte auch Dir nicht unbekannt sein. [Von Umweltverbänden, Ökotest und co. wird dieser Satz oftmals geflissentlich vernachlässigt, weil sonst die Panikmache ihrer Botschaft nicht wirkt.] Von daher finde ich es merkwürdig, dass Du von einer Chemikalie, die Dich in höherer Konzentration nicht umgebracht hat, auf einmal in panische Angst verfällst, wenn Du sie in weitaus viel niedrigerer Konzentration abbekommst.

Wie willst Du mit dieser Einstellung den Schülern einen sinnvollen Umgang mit Chemikalien beibringen?

- Im Grundpraktikum wird mit Chemikalien hantiert, die schon seit Jahrzehnten in der Grundausbildung eingesetzt werden. Sollten hier derartig toxische Substanzen eingesetzt werden, dass sie in geringsten Konzentrationen nicht nur den Praktikanten sondern auch direkt seine Umgebung auslöschen, dann wäre das mit Sicherheit aufgefallen.

- Deine Panik klingt genau so, wie die Informationen aus gewissen gesellschaftlichen Ecken. Für eine schnelle Etikettierung dieser Ecke möchte ich hier einfach "Ökos" sagen, auch wenn es sich um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Umweltschutz (hierzu gehört übrigens auch der Schutz von Menschen) ist eine wichtige Aufgabe oder besser Herausforderung, der wir uns stellen müssen, wenn hier auf diesem Planeten gravierende Änderungen nicht eintreten sollen. Dennoch halte ich von den "Ökos" relativ wenig, mit Ausnahme davon, dass sie auf ein wichtiges Problem dieser Zeit aufmerksam machen.

Warum?
Bei toxikologisch wirksameren Stoffen wird nicht irgendwie über relevante Grenzen und die Folgen geprochen. Es wird nur behauptet, dass man in irgendwelchen Produkten etwas gefunden hat und dass dieser Stoff gewisse Schäden machen kann. Dabei ist es den "Ökos" unerheblich in welchen Konzentrationen die Stoffe auftreten und dass eine spontante Explosion der Sonne deutlich wahrscheinlicher ist, als eine Beeinträchtigung der Gesundheit durch die nachgewisenen Stoffe.

Die Gefährlichkeit von Stoffen wird bei "Ökos" von der "natürlichen" Herkunft abhängig gemacht oder davon, ob sie schon vor 100 Jahren für etwas verwendet wurden. Beides ist ein fataler Trugschluss. Aus der Natur gewonnene Stoffe (was auch immer das heißen mag) sind keineswegs automatisch umweltfreundlich oder weniger schädlich. So sind die Tenside der Waschnuss deutlich Umweltschädlicher als herkömmliche, synthetische Tenside. Ein anderes Beispiel ist der Bio-Weinanbau. Hier darf mittlerweile als einziges Mittel gegen Mehltau Kupfersulfat eingesetzt werden. Und das in rauen Mengen (damit es wirkt). Moderne Fungizide sind deutlich wirksamer und auch weniger umweltgefährlich. Da sie aber nicht im "traditionellen" Weinanbau eingesetzt wurden, dürfen sie für einen Bio-Wein nicht verwendet werden. Das ist Umweltverschmutzung unter dem Deckmantel des Umweltschutzes. Von daher auf einer Stufe mit der Autoindustrie. (OK, die Öko-Winzer kriegen weniger Geld in den Popo geschoben.)

Deswegen einige Tipps: Hüte Dich vor Verlautbareungen in denen einfach nur gesagt wird, dass etwas gefunden wurde und nicht, dass es auch in schädlichen Konzentrationen vorhanden ist. Außerdem: traue KEINEM, der irgendetwas mit "bis zu" begründet. (Z.B. "die Tomaten können bis zu 20 €/ kg kosten"). Hier wird zum Überzeugen des Gegenübers der wertlose Maximalwert angesetzt. Der sinnvollere Mittelwert oder ein anderer sinnvoller Wert wird mit Absicht nicht genannt, da dann jedem klar ist, dass ma nur verar... wird: Wer z.B. behauptet bei der Lotterie Eurojackpot kann man mit 2 Euro bis zu 90 Mio Euro gewinnen hat recht. Er verschweigt aber, dass man für 2 € Einsatz 2,5 € bezahlen muss und das Geld im Normalfall weg ist und im Mittelwert nur ungefähr die Hälfte des eingesetzten Geldes auch an die Spielteilnehmer ausgezahlt wird.

Also: Kopf anschalten und nicht verar... lassen. Panik ist das Letzte, was man brauchen kann.
__________________
Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim: Allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.

Erfahrung: Wenn es so einfach wäre, hätte es schon längst jemand gemacht
Cyrion ist offline  
Alt 24.10.2017, 16:22   #14   Druckbare Version zeigen
imalipusram Männlich
Mitglied
Beiträge: 5.934
AW: Laborarbeit

Zitat:
Zitat von Cyrion Beitrag anzeigen
- Du studierst Chemie auf Lehramt. Chemielehrer ist eine gesellschaftlich wichtige Tätigkeit, in der unter anderem den Schülern der sinnvolle Umgang (Einschätzung, Vorsicht, Handhabung etc.) mit mehr oder weniger gefährlichen Stoffen beigebracht wird. Hierzu gehört auch, den Schülern beizubringen was Giftigkeit ist.
Ist das denn überhaupt noch gewünscht, wenn man sieht, daß Banalitäten wie ein Fläschchen Phenolphthalein in einer Schule regelmäßig Großeinsätze des Katastrophenschutzes auslösen?
__________________
I solemnly swear that I'm up to no good!
伍佰 (WuBai - Run run run!) (ein Musikvideo mit dem Bambushaus und dem imalipusram unter den Statisten)
Noch ein nettes Video (nerdy, ein LIHA-Robot)
Und so gehts hier manchmal zu (sowas Ähnliches wie Fronleichnam, hier wird TuDiGong, dem Erdgott, tüchtig eingeheizt!) Oder so (auch ungeeignet für Gefahrstoffphobiker) und so und so.
imalipusram ist offline  
Anzeige
Alt 25.10.2017, 08:03   #15   Druckbare Version zeigen
Cyrion Männlich
Mitglied
Beiträge: 4.882
AW: Laborarbeit

Es ist vielleicht nicht gewünscht aber dringend nötig. Wie genau Dein Beispiel zeigt. Von daher eine sehr, sehr wichtige Aufgabe für die Lehre in der Chemie.
__________________
Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim: Allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.

Erfahrung: Wenn es so einfach wäre, hätte es schon längst jemand gemacht
Cyrion ist offline  
Anzeige


Thema geschlossen

Lesezeichen

Stichworte
chemie, labor, laborarbeit

Themen-Optionen
Ansicht

Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Laborarbeit- Gesundheit? lukemueller Allgemeine Chemie 15 15.10.2016 04:36
Chemiestudium - Laborarbeit Chem98 Schule/Ausbildungs- & Studienwahl 32 09.02.2016 22:47
Laborarbeit, Versuchsaufbau Xeasnio Allgemeine Chemie 6 22.02.2015 13:15
Schwangerschaft und Laborarbeit kuckida Allgemeine Chemie 38 04.06.2008 11:55
Buch zur Laborarbeit bolheim83 Bücher und wissenschaftliche Literatur 3 26.03.2005 20:41


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 19:43 Uhr.



Anzeige